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Der Hoffa’sche Fettkörper: „Aufsichtsbehörde im Knie“

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Keineswegs nur Fettgewebe, sondern vielmehr ein komplexes sensorisches Organ – das sieht der Orthopäde
Prof. h. c. PD Dr. med. Matthias Steinwachs im Hoffa‘schen Fettkörper. Der Chefarzt der Abteilung Orthobiologie & Knorpelregeneration an der Schulthess Klinik in Zürich erklärt im Interview, warum die empfindliche Kniegelenkstruktur wieder neu diskutiert wird.

Wie kommt es eigentlich, dass der Hoffa‘sche Fettkörper an nahezu jedem Geschehen im Kniegelenk beteiligt ist?
PD Dr. Steinwachs: Der Hauptgrund für seine hohe Reizbarkeit sind seine Mikro­struktur und seine zentrale Lage. Der Hoffa‘sche Fettkörper liegt in einem Dreieck zwischen Kniescheibe, Kondylen und der Tibia-Gelenkfläche. Jede Beugung und Streckung des Gelenks berührt und verformt ihn unmittelbar. Alle mechanischen Veränderungen im Gelenk können von ihm registriert werden. Dazu dient ein Geflecht von Versorgungsleitungen. Denn der Hoffa‘sche Fettkörper besteht nicht nur aus Fett. Er wird intensiv durchblutet und ist durch seinen hohen Anteil an Monocyten auch an Immunreaktionen beteiligt. Daneben ist er stark innerviert. Die schnellen C-Fasern sprechen für eine regulatorische Funktion des Hoffa‘schen Fettkörpers.

Chefarzt  Prof. h. c. PD Dr. med. Matthias Steinwachs, Schulthess Klinik Zürich. Wie eine Spinne im Netz, könnte man sagen. Aber manches bedarf noch weiterer Forschung, oder?
PD Dr. Steinwachs: Tatsächlich wissen wir noch nicht alles über diese hoch sensible Struktur hinter der Kniescheibe. Das ist aber nicht verwunderlich. Auch bei einer relativ gut untersuchten Struktur wie dem Meniskus sind noch nicht alle Aspekte in vollem Umfang geklärt. Zwar weiß man von der Existenz des Hoffa‘schen Fettkörpers schon länger. Aber erst vor einigen Jahren konnte in einem Selbstversuch gezeigt werden, dass dort die schmerz­intensivste Wahrnehmung im gesamten Kniegelenk stattfindet. Die aus dieser Studie entstandene Schmerzkarte liefert uns heute gute Dienste, um die bei Arthroskopien gefürchtete Region der Schmerzauslösung zu lokalisieren. Hier wird übrigens vieles neu diskutiert.

Was zum Beispiel?
PD Dr. Steinwachs: Früher war es üblich, bei Eingriffen im Kniegelenk den Hoffa‘schen Fettkörper teilweise zu entfernen. Gerade im chronisch gereizten Zustand verdickt er sich und behindert bei arthro­skopischen Eingriffen die Sicht. Heute würde ich empfehlen, ihn möglichst wenig zu verletzen, weil sonst starke Vernarbungen auftreten können. Ist er allerdings chronisch entzündet und schmerzt bei jedem Schritt , ist eine Teilresektion häufig unumgänglich.

Im Zweifelsfall aber pro Hoffa‘schen Fett­körper, aufgrund seiner vermutlich regula­torischen Funktionen?
PD Dr. Steinwachs: Dafür würde ich plädieren. Er stellt eine Art Aufsichtsbehörde im Knie dar und scheint für das Binnenklima verantwortlich zu sein. Wir glauben, dass er neben seiner Eigenschaft als Schmerztriggerpunkt auch noch Aufgaben der Muskelsteuerung übernimmt: Wie ist die Stellung der Gelenkpartner zueinander? Was macht die Patellasehne? Wie hoch ist die mechanische Belastung im Gelenk? Wie stark muss die Muskulatur durch die Dehnung des Hoffa‘schen Fettkörpers gegensteuern, um Stabilität zu erzielen? Die Beantwortung dieser sensomotorischen Fragen könnte dem Hoffa‘schen Fettkörper zufallen. So gesehen dient er auch dem Schutz vor mechanischen Reizen.

Zwei auf der Omega-Pelotte platzierte Hoffa-Pads üben einen dosierten Druck auf den Hoffa‘schen Fettkörper unterhalb der Patella aus. Die moderate Kompression führt zur Druckentlastung der Patella und damit zur Schmerzreduktion.Um die naheliegenden sensomotorischen Funktionen des Hoffa‘schen Fettkörpers anzusprechen, sind in die neue GenuTrain Druckpunkte eingearbeitet worden …
PD Dr. Steinwachs: … was auch Sinn macht. Das stellt nämlich einen anderen Weg dar, den Hoffa‘schen Fettkörper zu adressieren. Ähnlich wie in der Akupressur. Von dort kennt man die positive Wirkung auf definierte Druckpunkte. Wir können ihn auf diese Art in ein myokutanes Therapiekonzept einbinden. Häufig ist nach Operationen die Sensomotorik nicht in Ordnung. Die Bandage triggert durch Hautstimulation bestimmte Prozesse in der Muskulatur und zusätzlich verleiht sie Stabilität – eine sinnvolle Kombination.

 

Bilder: Bauerfeind, privat