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Klinische Osteoporose-Therapie: Die erste Wirbelfraktur verändert alles

Osteoporose-Therapie

Ist erst ein Wirbel gebrochen, steigt das Risiko weiterer Frakturen sprunghaft an. Diesem Dominoeffekt will der Neurochirurg Dr. med. Torsten Roediger frühzeitig begegnen. Auch mit Orthesen.

Möglichst früh Osteoporose multimodal behandeln, wünscht sich Neurochirurg Dr. med. Torsten Roediger.Kürzlich musste Dr. Roediger wieder einmal einer Patientin erklären, dass eine Operation in ihrem Fall keinen Sinn mache. Diese Patientin hatte bereits zahlreiche Sinterungsfrakturen. „Das war natürlich ein Schlag für sie“, sagt der Arzt. Trotzdem ist bei Osteoporose und im Sinne einer sinnvollen Risiko-Nutzen-Abwägung die Operation nicht immer das beste Mittel , um den Patienten zu helfen. Aufgrund der sehr schlechten Knochenqualität bei einer fortgeschrittenen Osteoporose kann es zu Anschlussbrüchen oder Materiallockerungen nach einer Operation kommen, die den behandelnden Arzt zu weiteren, gegebenenfalls ausgedehnteren Eingriffen zwingen. Deshalb muss das gesamte Behandlungskonzept und insbesondere das operative Konzept für solche Patienten besonders gut überdacht werden. Was den Berliner Arzt im Wirbelsäulenzentrum der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am St.-­Joseph-Krankenhaus in Tempelhof umtreibt , fürchtet jeder Operateur: „Knochen weich wie Butter“, so Dr. Roediger. „Einen hochgradig osteoporotischen Knochen kann ich manchmal ohne viel Kraftaufwand einfach so mit einer operativen Zugangsnadel durchdringen. Bei einem gesunden Knochen bräuchte ich dafür einen Hammer.“

Der Wunsch des Operateurs

Um Frakturen der Wirbelkörper nachhaltig zu versorgen, ist vor allem eines nötig: eine feste knöcherne Grundlage. Denn die operative Versorgung, sei es durch Zementauffüllung gebrochener Wirbelkörper (Vertebroplastie/Kyphoplastie) oder durch operative Stabilisierungen per Schrauben-Stab-System, braucht individuelle Konzepte, die langfristig auch halten. „Auf dem postoperativen Röntgenbild sehen Sie zwar oft ein sehr gutes Ergebnis“, sagt der Neurochirurg. „Die Frage ist nur: wie lange?“ Der Wunsch des Klinikers ist so naheliegend wie entscheidend: „Mit der multimodalen Osteoporose-Behandlung so früh wie möglich beginnen!“ Knochenaufbauende Medikation, um weitere Frakturen zu vermeiden, sei das A und O, betont er. „Wenn die Patienten zu uns kommen, ist es oft schon zu spät.“

Flexible Orthese für ein komplexes, bewegliches System

Nach dem Bruch des ersten Wirbelkörpers ist die Wahrscheinlichkeit , Anschlussfrakturen zu erleiden, enorm hoch. In dieser Phase könnten Orthesen eine wichtige Schutzfunktion ausüben, meint Dr. Roediger. „Eine externe Stabilisierung ist ein sehr verlässliches System“, sagt der Wirbelsäulenchirurg. Aufrichtende und flexible Orthesen seien sehr gut in den Alltag der Patienten zu integrieren. Auch im postoperativen Einsatz, so Dr. Roediger, hätten sie sich bewährt: „Orthesen, die Bewegung zulassen, kann ich frühfunktionell einsetzen“, weiß der Chirurg. „Die Wirbelsäule ist ein komplexes bewegliches Organ, das mit einer flexiblen Orthese sehr gut unterstützt werden kann, um die Muskulatur zu trainieren und trotzdem eine zusätzliche Stabilisierung zu gewährleisten.“

Wieder Lebensqualität gewinnen

Orthesen werden in der Behandlung von ­Osteoporose-Patienten mit Wirbelkörperfrakturen schon häufig im klinischen Alltag eingesetzt. „Studien über die therapeutischen Effekte könnten die Akzeptanz innerhalb der Ärzteschaft aber weiter verbessern“, so Dr. Roediger. Eine gute Kommunikation zwischen niedergelassenen und klinischen Kollegen sowie eine kontinuierliche, zeitlich engmaschige Kontrolle der Knochendichte seien ebenfalls unerlässlich, will man Osteoporose- und damit Frakturprophylaxe auf eine feste Basis stellen. „Wir sind eine alternde Gesellschaft“, sagt der junge Arzt zum Abschluss, „was aber nicht heißt , dass wir Alterserkrankungen hinnehmen müssen.“

Bilder: Bauerfeind