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Multimodale Osteoporose-Therapie: „Osteoporose ist komplex, aber beherrschbar“

Dr. med. Peter Schorr befürwortet eine multimodale Osteoporose-Therapie zur Schmerzbehandlung. Dazu gehören auch Orthesen.

Als Osteologe und Schmerztherapeut hat Dr. med. Peter Schorr vom vom Vitarium-Therapiecentrum in Schmelz und Dillingen/ Saar  einen umfassenden Blick auf das Krankheitsgeschehen. Bei stabilen Wirbelkörperfrakturen ist für ihn eine flexible, aufrichtende Orthese eine wichtige Therapieoption.

Bauerfeind life: Sie arbeiten in einer Osteoporose-Schwerpunktpraxis. Was bedeutet das für den Patienten?
Dr. Schorr: Alle Ärzte unserer orthopädischen Gemeinschaftspraxis sind seit 2004 vom Dachverband der Osteologen (DVO) zertifiziert. Diese Spezialisierung innerhalb der Knochenstoffwechselerkrankungen muss alle fünf Jahre rezertifiziert werden. Das heißt für den Patienten, dass er hier auf aktuellen Wissensstand trifft.

Welche Patienten kommen zu Ihnen?
Dr. Schorr: Vor allem Frauen nach der Menopause. Aber auch Männer. Interessant ist der unterschiedliche Kenntnisstand der Betroffenen. Es kommen gut Informierte, die nur eine Abklärung ihres Risikos wünschen, und die akuten Fälle. Viele sind völlig überrascht , dass ihre oft diffusen Beschwerden Osteoporose als Ursache haben.

Das Bewusstsein für die Erkrankung ist ausbaufähig?
Dr. Schorr: Es ist besser geworden. Die Medien berichten viel und gut. Osteoporose ist aber auch für uns Ärzte erst in den 1980er-Jahren ins Bewusstsein gerückt. Die Erkrankung macht es den Beteiligten nicht leicht. Wir sehen nichtadäquate Traumata, etwa wenn ein Patient sich aus geringer Höhe auf den Stuhl fallen lässt und dann eine Wirbelkörperfraktur erleidet. Darauf muss man erst mal kommen. Osteoporose verläuft schleichend. Die Frakturen sind dann häufig Sinterungsfrakturen mit unterschiedlichster Symptomatik von völliger Beschwerdefreiheit bis zu starken Schmerzen.

Wie behandeln Sie die Erkrankung?
Dr. Schorr: Zuerst muss man erkennen, ob es sich um eine primäre, also hormonbedingte, oder sekundäre, durch Risikofaktoren bedingte Osteoporose handelt. Eine sorgfältige Anamnese ist wichtig. Zusätzlich sollte die Dichte der Knochen im Bereich Wirbelsäule und Hüfte mit DXA-Messung erfasst werden. Basis für Diagnose und Therapieentscheidung ist die Leitlinie der DVO: Auswahl des Medikaments, um den weiteren Knochenabbau zu verhindern, Supplementierung von Vitamin D bzw. Kalzium, je nach Untersuchungsergebnis. Oft müssen Schmerzen gelindert werden. Ich kann als Schmerztherapeut eine multimodale Therapie einleiten. Schmerzen erfordern nicht nur Behandlung durch Analgetika und Physiotherapie. Ich muss auch fehlbelastete Skelettanteile der Wirbelsäule entlasten. Das mache ich mit Orthesen.

Die neue Spinova Osteo richtet die Brustwirbelsäule auf, vermeidet aber eine Hyperlordosierung und lässt Bewegung zu, lobt Dr. Schorr. Wie unterstützen Orthesen Ihr multimodales Therapiekonzept?
Dr. Schorr: Orthesen sollen aufrichten und zur Entlastung der ventralen Wirbelkörperanteile führen. Sie können den Schmerz, der durch die statische Fehlbelastung auftritt , reduzieren und vor weiteren Brüchen schützen. Wichtig ist , dass sich die Orthesen flexibel an die Körperform anpassen. So viel stützen wie nötig, so wenig einschränken wie möglich. Nur eine komfortable Orthese wird von den Patienten getragen. Da liegt das Problem: Es gibt Orthesen, die im Stehen funktionieren, im Sitzen aber drücken oder sich wie eine Kopfstütze nach oben schieben.

Wie beurteilen Sie die neue Spinova Osteo?
Dr. Schorr: Es gibt nur eine sehr überschaubare Anzahl von Orthesen, die die genannten Kriterien erfüllen. Die Spinova Osteo ist eine aufrichtende Orthese, die auch im Sitzen funktioniert. Ihre zentrale Achse endet formschlüssig an der oberen Wirbelsäule und schiebt sich nicht nach oben. Sie trägt nicht auf. Zudem weist sie eine gute Umfassung im Beckenbereich und eine gute Stabilisierung im Rückenbereich auf. Sie richtet die Brustwirbelsäule auf, vermeidet aber durch ihre Bauart eine Hyperlordosierung. Die Orthese bietet Halt nach hinten. Und sie lässt – und das ist fast entscheidend – Bewegung zu.

Bewegung statt Stabilisierung?
Dr. Schorr: Beides! Bei frischen stabilen Wirbelkörperfrakturen ist natürlich eine externe Stabilisierung wichtig. Diese entlastet die betroffenen Wirbelkörperanteile und reduziert den Schmerz, verbunden mit der Einsparung von Analgetika. Bei älteren Patienten mit Multimedikation sowie Wechsel- und Nebenwirkungen ein wichtiger Aspekt. Dadurch verbessern Sie Lebensqualität und Sicherheit , auch im Sinne einer Sturzprophylaxe. Und zusätzlich erhöhen Sie mit einer entsprechenden Orthese die Mobilität . Denn das wollen wir nach einem Wirbelkörperbruch ja auch: dass der Patient wieder Vertrauen fasst zu seinem Körper und sich bewegt. Orthesen mit muskelaktivierenden Funktionen für Rückenstrecker und Rumpfmuskulatur können das leisten.

Profitieren nur die Muskeln von Bewegung oder auch die Knochen?

Dr. Schorr: Bewegung beziehungsweise Belastung und der damit verbundene Muskelzug wirken sich positiv auf den Stoffwechsel des Knochens aus. Die Spannung der Muskulatur übt auf den Knochen einen mechanischen Druck aus. Dieser wird aufgrund der piezoelektrischen Eigenschaften des Knochens in ein elektrisches Potenzial umgewandelt , das wiederum den Stoffwechsel der Knochenzellen beeinflusst. Bei Osteoporose-Patienten ist dieser Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht geraten: Osteoklasten, knochenabbauende Zellen, haben gegenüber Osteoblasten, den aufbauenden Zellen, die Überhand gewonnen. Bei Druck auf den Knochen jedoch dreht sich das Spiel um: Osteoblasten werden zu Wachstum angeregt , das Knochenmaterial wieder verdichtet. Bewegung, die durch eine Orthese ermöglicht wird, kann also, in Kombination mit anderen Therapieschritten, die Knochendichte der Osteoporose-Patienten verbessern. Es spielt also durchaus eine Rolle, welche Orthese Sie für die multimodale Therapie auswählen.

Ist Osteoporose heilbar?

Dr. Schorr: Sagen wir so: Osteoporose ist eine komplexe Erkrankung, die behandelt werden muss. Tut man das rechtzeitig und entsprechend, ist sie beherrschbar.

Bilder: Detlef Majer