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SacroLoc-Studie, Teil 2: „Die Orthese kann die Bewegungen im ISG entscheidend verändern“

2015_02_SacroLoc_Studie_Nachgefragt_Aufmacher

PD Dr. med. habil. Niels Hammer, Facharzt für Anatomie am Institut für Anatomie der Universität Leipzig, erläutert im Gespräch mit life die wichtigsten Ergebnisse der SacroLoc-Studie.

Welche besonderen Herausforderungen bestanden bei der Frage nach der Wirkung der SacroLoc auf die Iliosakralgelenke (ISG) und deren Bandapparat?
Dr. Hammer: Obwohl das ISG eines der größten Gelenke des Körpers ist , sind zen­trale Fragen zu seiner Biomechanik bis heute unbeantwortet , wie die Wirkung der Bandstrukturen im Innern des Gelenks. Bis vor wenigen Jahren wussten wir lediglich, dass sich dort derbe Bänder befinden. Unbekannt war, wie fein die Bandstrukturen die Beweglichkeit des ISG führen. Die Bänder sind die Stabilisatoren des Gelenks und haben mit ihren Nervenfasern auch die Funktion eines Messglieds in einem Regelkreis. Die Stellglieder dieses Regelkreises scheinen die Muskeln des Rückens, der Bauchwand und des Beckenrings zu sein.

Wie wurden diese Herausforderungen im Studiendesign gelöst?
Dr. Hammer: In einem ersten Schritt haben wir die Bänder und ihre Verläufe genau beschrieben. Dies war uns durch die Anwendung moderner Verfahren wie CT und MRT und durch die Kombination mit den Methoden der Anatomie, also Gefrierschnitt- und Plastinationstechniken, möglich. So haben wir über 100 Körperspender der Anatomie untersucht und die Befunde zur Grundlage computerbasierter Simulationen gemacht. Wir haben uns bewusst auf die Knochen und die Bänder des Beckenrings beschränkt , um so einen tieferen Einblick in die Funktion dieser „passiven“ Partner des ISG zu bekommen.

Welche Erkenntnisse zu den ISG verbinden sich mit den Studienergebnissen?
Dr. Hammer: Die Ergebnisse haben gezeigt , dass die Bewegungen des ISG insgesamt sehr gering sind, wesentlich geringer als bisher bekannt. Dies betrifft sowohl die Gesamtbewegung, die Nutation, als auch deren Teilbewegungen. Für die Schmerzentstehung am ISG bedeutet das geringe Bewegungsausmaß jedoch nicht , dass Schmerz- und Bewegungsrezeptoren nicht angesprochen werden. Im Gegenteil: Derart geringe Bewegungen erfordern eine sehr feine Regulation der Schmerzrezeptoren.

Was konnten Sie über die biomechanische Wirkweise der SacroLoc erfahren?
Dr. Hammer: Durch die Anwendung dieses speziellen Hilfsmittels wurde die Bewegung im ISG entscheidend verändert. Die Rotation des Kreuzbeins verringert sich um fast 42 Prozent. Die Bewegung der Darmbeine in Richtung des fünften Lendenwirbelkörpers wurde sogar verstärkt , was als eine Verbesserung der physiologischen Bewegung des regionalen Bandapparats interpretiert werden kann. Mehrheitlich wurden die Bänder entlastet , was indirekt natürlich eine Auswirkung auf die Schmerzrezeptoren hat.

Sind dadurch Schlussfolgerungen auf die therapeutische Wirkung möglich?
Dr. Hammer: Unsere Daten sprechen klar dafür, dass Beckenorthesen die Gesamtbewegung des hinteren Beckenausmaßes verändern. Das Ausmaß dieser Veränderung ist für die Teilkomponenten der Bewegung unterschiedlich und begünstigt die physiologisch stattfindende Gesamtbewegung des ISG. Neben der Entlastung am Bandapparat und damit der verminderten Reizung von Schmerzrezeptoren spielen wahrscheinlich auch noch die Komponenten des aktiven Bewegungsapparats eine Rolle.

Ergeben sich daraus Empfehlungen für Dia­gnose und Therapie von ISG-Syndromen?
Dr. Hammer: Dass die Beckenorthese das Bewegungsausmaß nicht isoliert einschränkt , sondern auf komplexe Art verändert , ist ein neuer Befund für die wissenschaftliche Gemeinschaft. Aus unseren Daten wird klar, dass wir andere Parameter zu Rate ziehen müssen als eine isolierte Kompression. Für die Diagnose und Therapie gibt es bereits eine Vielzahl von adäquaten Untersuchungstechniken. Wichtig ist , Differenzialdiagnosen nicht außer Acht zu lassen. Neben dem Unterbauch sind dies vor allem Erkrankungen der Lendenwirbelsäule und des Hüftgelenks als „Red Flags“. Auch der vordere Beckenring mit der Schambeinfuge kann Ursache für ISG-Syndrome sein.

 

Ref.: Sichting F, Rossol J, Soisson O, Klima S, Milani T , Hammer N. Pain Physician. 2014 Jan–Feb; 17(1): 43–51. Pelvic belt effects on sacroiliac joint ligaments: a computational approach to understand therapeutic effects of pelvic belts.

Bilder: Christine Auste, Bauerfeind