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Stiftungsprofessur für Phlebologie: Anlaufstelle für nationale und internationale Forschungsprojekte

Stefanie Reich-Schupke

Zum 16. Januar 2017 trat Prof. Dr. med. Stefanie Reich-Schupke die von Bauerfeind gestiftete Professur für Phlebologie an der Ruhr-Universität Bochum an. life sprach mit der Fachärztin für Dermatologie und Venerologie über die Bedeutung des Fachbereichs, die internationale Vergleichbarkeit von Studienergebnissen und die Gewinnung von phlebologischem Nachwuchs.

Bauerfeind life:
Wie wird die Phlebologie an den deutschen Universitäten behandelt?
Prof. Dr. Reich-Schupke: Bislang ist die Phlebologie kein eigener Fachbereich, sondern eine Subdisziplin zum Beispiel innerhalb der dermatologischen, der chirurgischen oder der internistischen Kliniken. Dementsprechend umfasst auch die phlebologische Ausbildung an den Universitäten, wenn überhaupt , nur wenige Unterrichtsstunden in den einzelnen Disziplinen. Die meisten Ärzte haben erst Zugang zu phlebologischen Themen wie Ulcus cruris venosum oder Kompressionstherapie, wenn sie im klinischen Alltag angekommen sind.
Hauptanliegen der Stiftungsprofessur ist es daher, die Sichtbarkeit der Phlebologie nach außen zu stärken und ihr – sowohl hinsichtlich der Forschung als auch der Lehre – eine eigene Anlaufstelle zu bieten. Sie ist ausdrücklich als Koordinations- und Netzwerkstelle für nationale und internationale Projekte gedacht.

Welche Schwerpunkte möchten Sie bei der wissenschaftlichen Forschung setzen?
Prof. Dr. Reich-Schupke: Eines der beiden zentralen Forschungsfelder wird die Varikose sein. Heute stehen die einzelnen Therapiemöglichkeiten wie Laser, Radiofrequenz, Kompression, Operation, Sklerosierung etc. mehr oder weniger konkurrierend neben­einander. Ziel ist es, anhand von klinischen Studien einen Algorithmus zu entwickeln, der dem behandelnden Arzt erlaubt , für den einzelnen Patienten unter Berücksichtigung entsprechender klinischer Parameter ein ideales Behandlungskonzept auszuwählen.
Das zweite große Feld ist das Einsatzfeld der Kompressionstherapie und in diesem Zusammenhang auch die Behandlung des postthrombotischen Syndroms.

Welche Bedeutung hat für Sie die Therapie mit medizinischen Kompressionsstrümpfen?

Prof. Dr. Reich-Schupke:Die Kompressionstherapie hat nach wie vor einen hohen Stellenwert. Aus klinischer Erfahrung wissen wir, dass sie positive Effekte hat – sowohl akut , was die Ödem- und Schmerzreduktion betrifft , als auch mittelfristig, was Komplikationen und Progression angeht. Aber heutzutage muss alles „evidence-based“ sein und dementsprechend benötigen wir mehr Studien, um auch althergebrachte Therapien wie die Kompressionstherapie besser untermauern zu können. Zumal es in den letzten Jahren einige Studien im angloamerikanischen Raum gegeben hat , die den Wert der Kompression angezweifelt haben. Hier gilt es jedoch zu berücksichtigen, dass sich Ergebnisse aus anderen Ländern nicht immer eins zu eins auf die deutschen Verhältnisse übertragen lassen.
Umso wichtiger ist es, die bei Studien eingesetzten Kompressionsstrümpfe und die Vorgehensweise stets genau zu beschreiben, um eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse zu ermöglichen. Sprich: Welcher Druck ist angewendet worden? Welcher Typ von Strumpf? Rund- oder Flachstrick? Welche Strumpflänge? Wie verlief die Anleitung für die Patienten?

Sie sind seit 2013 Nachwuchsbeauftragte der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie (DGP). Wie ist es um den Nachwuchs bestellt?

Prof. Dr. Reich-Schupke: Erfreulicherweise stieg die Anzahl junger Kollegen in der DGP innerhalb der letzten Jahre kontinuierlich an. Das ist sicherlich auch auf diverse Programme zur Ausbildungs- und Nachwuchsförderung zurückzuführen. Dazu gehören zum Beispiel das Fortbildungszertifikat der Akademie für phlebologische Fortbildung, die Einführung eines Hospitationsprogramms und die Weiterbildungsbörse auf der DGP-Homepage. Seit 2015 gibt es auch ein Mentoringprogramm für junge Kollegen mit Interesse an phlebologischer Forschung und seit kurzem eine DGP-Facebook-Seite. Über diese Kanäle können wir dann zielgerichtet beispielsweise auch auf Förderungsmöglichkeiten wie das Doktorandenprogramm von Bauerfeind hinweisen.

Welchen Stellenwert haben Programme, wie das von Bauerfeind, für die Nachwuchsförderung?
Prof. Dr. Reich-Schupke: Sie sind wichtig, weil ohne Sponsoring Forschung heute kaum mehr möglich ist. Die Doktoranden brauchen allein schon für ein Ethikvotum einen gewissen finanziellen Grundstock für Hilfe bei der Statistik, Übersetzungen und Literaturrecherchen.

Seit über zehn Jahren sind Sie selbst in der phlebologischen Forschung aktiv. Was reizt Sie persönlich an der Phlebologie und was wünschen Sie sich für die Disziplin in den kommenden zehn Jahren?

Prof. Dr. Reich-Schupke: Auf der einen Seite fasziniert mich das unheimlich große Krankheitspotenzial. Circa 20 Prozent der Bevölkerung sind im weitesten Sinne von Venenleiden betroffen. Von kleinen Kindern bis älteren Menschen ist alles dabei. Man kann sowohl konservativ als auch interventionell arbeiten. Und es sind vielfach elektive Patienten, was den Fachbereich insbesondere auch für Frauen, die Beruf und Familie vereinbaren wollen, attraktiv macht. Auf der anderen Seite gibt es in dieser Disziplin noch einen großen Forschungsbedarf, da kann man sich noch richtig austoben. Was ich mir für die Zukunft wünsche, ist auf jeden Fall eine größere Aufmerksamkeit für die Phlebologie, auch was z. B. die Politik bzw. die Gesundheitsförderung angeht. Wenn Sie sich allein anschauen, welche Anträge von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert werden, dann sind das in erster Linie solche, die Infektionskrankheiten, aber auch Parkinson oder Demenz behandeln. Venenerkrankungen betreffen zwar einen großen Teil der Bevölkerung, man stirbt aber in der Regel nicht daran, um es drastisch auszudrücken. Deshalb ist wohl das Interesse nicht so groß. Es wird Zeit , dass sich das ändert!

Weitere Informationen

zu Fort- und Weiterbildungen der DGP unter www.phlebology.de/fort-weiterbildung, zum Bauerfeind-Doktorandenprogramm unter www.bauerfeind.com/doktorandenprogramm.

Bild: PD Dr. Stefanie Reich-Schupke