Bauerfeind life Magazin

Blog

Internationaler Erfahrungsaustausch: Experten diskutieren über Zukunft der Kompressionstherapie

Die Teilnehmer kamen aus Großbritannien, Belgien, Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien, den Niederlanden, Russland, den USA und Ungarn.

Im März 2017 trafen sich international anerkannte Gefäßexperten in Zeulenroda-Triebes, um über die Zukunft der Kompressionstherapie zu diskutieren. Forschungsbedarf besteht laut der Teilnehmer unter anderem zur Wirkweise der Kompression, um sie für bestehende Indikationen zu sichern und für neue einsetzen zu können.

Seit Mitte Januar hat Dr. Stefanie Reich-Schupke die – soweit bekannt – weltweit einzige Professorenstelle für Phlebologie am Venenzentrum der Ruhr-Universität in Bochum inne. Für den Gedankenaustausch zur Kompressionstherapie hat sie mit Unterstützung von Bauerfeind renommierte Experten eingeladen, darunter Dr. Nick Morrison (USA), Prof. Dr. Hugo Partsch (Österreich), Dr. Giovanni Mosti (Italien), Prof. Evgeny Shaydakov (Russland), Prof. Dr. Markus Stücker (Deutschland) und Dr. Werner Blättler (Schweiz). Interessante Ansätze sammelten die insgesamt 23 Teilnehmer unter anderem zu neuen Indikationen wie entzündlichen Dermatosen und neuropathischen Erkrankungen. Die Experten waren sich einig, dass es einer noch intensiveren Forschung zur Wirkweise der Kompressionstherapie bedarf, wie auch die folgenden Stimmen deutlich machen.

 

Dr. Nick Morrison, USA, Präsident der International Union of Phlebo- logy (IUP).Dr. Nick Morrison,
USA, Präsident der International Union of Phlebology (IUP).
Es ist wichtig, über die Zukunft der Kompressionstherapie zu sprechen, besonders da jüngste Berichte in der Literatur die Anwendung von Kompressionsbehandlungen in verschiedenen Bereichen hinterfragen. Um auf diese Themen einzugehen, benötigen wir sorgfältig konzipierte wissenschaftliche Studien. Meiner Ansicht nach wird es in naher Zukunft keine rückläufige Entwicklung in der Kompressionstherapie geben. Wir werden aber zweifellos Fortschritte in der Art der Kompression sehen. Die nicht-elastische Kompressionstherapie könnte eventuell verstärkt bei der Behandlung von Patienten mit venösen und lymphatischen Erkrankungen eingesetzt werden. Wir benötigen sehr viel mehr Forschung bezüglich der immer größer werdenden Rolle der nicht-elastischen Kompression bei der Behandlung von Lymphödemen.

 

Prof. Dr. med. Stefanie Reich-Schupke, Deutschland, Stiftungsprofessur Phlebologie an der Ruhr-Universität Bochum.Prof. Dr. med. Stefanie Reich-Schupke,
Deutschland, Stiftungsprofessur Phlebologie an der Ruhr-Universität Bochum.

Kompression ist ein wichtiger Eckpfeiler in der Phlebologie und Lymphologie. Sie kann allein oder in Kombination mit anderen Therapien eingesetzt werden. Es gibt keine anderen Medikamente oder Verfahren, die sie ersetzen können. Dennoch müssen wir die Wirksamkeit der Kompressionstherapie bei verschiedenen Indikationen nachweisen, die in die Diskussion geraten sind, wie zum Beispiel bei Thrombose oder nach einer venösen Ablation. Außerdem müssen wir Kompression differenzierter nutzen. Wir verfügen über eine Vielzahl an Materialien und Kompressionsarten, die jede für sich ihre eigenen Vor- und Nachteile aufweisen. Der Standard in vielen Bereichen lautete bisher häufig „Kompression, AG, Ccl 2“ – oftmals unter Verwendung sehr elastischer Materialien, obwohl für bestimmte Patienten eine andere Kompressionsklasse oder ein anderes Material günstiger gewesen wäre. In vielen Bereichen wie der akuten Thrombose, dem postthrombotischen Syndrom oder arteriellen Erkrankungen und Kompressionstherapie besteht noch Forschungsbedarf. Zudem gibt es noch viele offene Fragen, was die richtige Dosis bzw. den Druck, die Elastizität bzw. Steifheit des Materials und die Kompressionsdauer, zum Beispiel nach Venenoperationen oder bei der Behandlung von Ulcus cruris, betrifft. Wir benötigen mehr Wissen über die Grundlagen des Kompressionseffekts, zum Beispiel auch im Hinblick auf Entzündungen. Wenn wir die tatsächliche Wirkweise von Kompression besser verstehen, können wir auch neue Indikationen berücksichtigen. Darüber hinaus müssen wir über spezielle Materialien und Kompressionsarten zum Beispiel für die wachsende Anzahl älterer oder adipöser Patientengruppen nachdenken, um eine individuell auf sie zugeschnittene Therapie konzipieren zu können.

 

Dr. med. Werner Blättler, Schweiz, Ehrenpräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Phlebologie. Dr. med. Werner Blättler,
Schweiz, Ehrenpräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Phlebologie.

Kompressionstherapie wird immer eine wichtige Rolle in der Behandlung von Beinerkrankungen spielen. Wenn die Bedeutung von Kompression jedoch nicht bald auf mehreren Ebenen geklärt werden kann, werden wir uns einer schwierigen Lage gegenübersehen. Erstens verlieren wir Indikationen aufgrund von unvollständigen Studien, die zu negativen Ergebnissen für die Kompressionstherapie geführt haben, zweitens werden sich verändernde Ansichten zur Pathophysiologie der Venen ignoriert. Außerdem erfolgen Verordnungen oft einseitig und nicht aus der Perspektive des Patienten. In der Schweiz werden beispielsweise Kompressionsstrümpfe der Kompressionsklasse 1 nicht durch die Kostenträger erstattet. Eine Versorgung mit Kompressionsstrümpfen der Kompressionsklasse 2 sorgt allerdings für sehr viel mehr unzufriedene als glückliche Patienten. Daher müssen die Indikationen anhand der verfügbaren Daten überarbeitet werden, anstatt weiterhin traditionelle Ansätze zu verfolgen.
Mediziner und Hersteller müssen einsehen, dass sich die Pathophysiologie venöser Erkrankungen geändert hat und dass die Kompressionstherapie dementsprechend angepasst werden muss. Dadurch könnten derzeit erhältliche Hilfsmittel angemessener vermarktet werden. Weiterhin benötigen wir randomisierte kontrollierte Studien für wichtige allgemeine sowie für spezifische Indikationen. Deren Ergebnisse sollten dann als Grundlage für die Kostenerstattung eines bestimmten Hilfsmittels dienen, welches für die jeweils vorliegende Indikation einen nachgewiesenen Nutzen hat.

 

Dr. Giovanni Mosti, Italien, Präsident des International Compression Club. Dr. Giovanni Mosti,
Italien, Präsident des International Compression Club.

Es ist wichtig, über die Zukunft der Kompressionstherapie zu sprechen, da Kompression noch immer nicht vollständig erforscht ist und leider meist viel zu selten angewendet wird. Ich bin der festen Überzeugung, dass Kompressionstherapie auch in Zukunft von enormer Bedeutung sein wird. Es ist jedoch unerlässlich, alle potenziellen Einsatzbereiche klar darzulegen und Fachpflegekräften alle Vorteile zu erläutern, die durch eine korrekte Anwendung erzielt werden können.Eine intensivere Forschung zu Kompres­sionsstrümpfen und insbesondere umfassendere Kenntnisse über Ulcus-cruris-Patienten sowie weitergehende Untersuchungen im Bereich Krampfadern und Nachsorge würde ich sehr begrüßen.
  
Bilder: Andreas Wetzel