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Zweitmeinung aus Sicht eines Facharztes: „Das entsprechende Fachwissen muss da sein“

Insbesondere vor Wirbelsäulenoperationen lohnt das Einholen einer Zweitmeinung.

In Deutschland haben Patienten seit Juli 2015 bei bestimmten Operationen ein Recht auf eine ärztliche Zweitmeinung. Das sei grundsätzlich keine schlechte Sache, findet Prof. Dr. med. Jürgen Harms, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie.

Herr Prof. Dr. Harms, wie denken Sie persönlich über die ärztliche Zweitmeinung?
Prof. Harms: Ich bin definitiv ein Freund der Zweitmeinung. Menschen machen Fehler und können sich irren – dies ist auch bei Ärzten nicht anders und kann gerade in der Medizin erschreckende Auswirkungen haben. Sichere Entscheidungen zu therapeutischen Maßnahmen können nur dann getroffen werden, wenn eine genügend hohe Kompetenz bei dem Erstuntersucher vorliegt , insbesondere bei Erkrankungen, die nicht zu dem alltäglichen Bild des entsprechenden Fachbereichs gehören.

Welche Probleme sind möglicherweise mit einer Zweitmeinung verbunden?
Prof. Harms: Aus meiner Sicht gibt es zwei generelle Probleme. Erstens: Wie finde ich als Patient den geeigneten Arzt für die Erstellung einer Zweitmeinung? Aus meiner Sicht sollte nur ein Arzt zur Zweitmeinungsabgabe berechtigt sein, der in dem entsprechenden Fachbereich der Erkrankung hochqualifiziert und kompetent ist. Er sollte insbesondere bei operativen Maßnahmen auch entsprechend eigene Fallzahlen nachweisen, da die Medizin eine Erfahrungswissenschaft ist. Weiterhin ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung, dass auch vom „Zweitmeinungsarzt“ – ein fürchterliches Wort – ein entsprechender Nachweis eingefordert ist, dass er auch entsprechende Fortbildungsmaßnahmen besucht hat, respektive besucht, um damit auf dem neuesten Wissensstand zu bleiben.
Nur wenn diese drei Punkte erfüllt sind, ist eine kompetente Erstellung einer Zweitmeinung möglich.
Von weiterer Bedeutung ist dabei, dass dieser Arzt unabhängig von Krankenkassen oder anderen Institutionen sein sollte, damit er eine neutrale Zweitmeinung abgeben kann. Zweitmeinungen, die unter Aufsicht von Krankenkassen oder anderen Institutionen, die direkt am finanziellen Ergebnis solcher Operationen beteiligt sind, stehen, müssen dringend vermieden werden.
Das zweite Problem ist der Patient per se: Häufig kann eine Zweitmeinung das Wissensbedürfnis des Patienten zur Entscheidung einer Therapie nicht erfüllen, da es nicht selten ist, dass die Zweitmeinung sich von der Erstmeinung unterscheidet. Dies ist allerdings nur das eine Problem. Das andere Problem ist der Wissensstand des Patienten. Viele Patienten glauben ja, dass sie durch die Medien und durch die Internetplattformen schon ein hervorragendes Wissen haben, was sich jedoch bei näherer Betrachtung als minimal und häufig falsch erweist. Dies kann gerade in der Wirbelsäulentherapie, insbesondere in der Wirbelsäulenchirurgie ein Problem sein, da ja hier die Krankheitslage in der Regel etwas komplexer ist als etwa bei einer Coxarthrose, die bei einer entsprechenden Zerstörung des Hüftgelenkes – was ja auch durch das Röntgenbild einfach dokumentiert werden kann – eine relativ einfache Indikationsstellung zulässt.
Inwieweit man dann, wenn der Patient auch von der Zweitmeinung nicht überzeugt ist, weitere Dritt- und Viertmeinungen einholt, möchte ich dahingehend beantworten, dass eine kompetente Erstmeinung und eine kompetente Zweitmeinung ausreichen sollten, um dem Patienten das Wissen zur Verfügung zu stellen, das ihm ermöglicht, in einer Therapie, insbesondere in eine operative Maßnahme, einzuwilligen oder nicht.

Wann halten Sie eine ärztliche Zweitmeinung für sinnvoll? Können Sie bestimmte Krankheitsbilder spezifizieren?
Prof. Dr. med. Jürgen Harms operierte über 30 Jahre als Chefarzt der Orthopädie und Wirbelsäulenchirurgie am Klinikum Karlsbad­Langensteinbach in Karlsbad und ist mittlerweile an der Privatklinik Ethianum in Heidelberg tätig.Prof. Harms: Ob eine ärztliche Zweitmeinung eingeholt wird oder nicht, hängt stark von der Mentalität und dem Wissensstand des Patienten ab. Weiterhin ist dabei auch die Erwartungshaltung des Patienten zu berücksichtigen, da die Erwartungshaltung des Patienten und der Erfolg einer Operation sehr häufig nicht übereinstimmen. Ich möchte hier nur das Bild der degenerativen Lumbalskoliose nennen. Bei dieser Erkrankung werden wegen der massiven Schmerzhaftigkeit die Patienten doch zuweilen aus der sozialen Gemeinschaft ausgegrenzt und drohen gerade im Alter zu vereinsamen. Wenn ein Patient diese Problematik erkannt hat, wird er auch bereit sein, sich eines weitreichenderen Eingriffs zu unterziehen. Dabei kann er erkennen, dass er durch die wesentlich geringere Schmerzhaftigkeit wieder besser in die soziale Gemeinschaft integriert werden kann. Auf der anderen Seite muss er jedoch auch wissen, dass ihm mit einer solchen Operation nicht die „Jungfräulichkeit“ der Wirbelsäule zurückgegeben wird. Gerade bei solchen komplizierten Eingriffen, die ja auch eine nicht unerhebliche Komplikationsrate haben, erscheint es mir sehr wichtig, dem Patienten die grundsätzliche Möglichkeit einer Zweitmeinung einzuräumen. Sie sollte ihm vielleicht sogar vom Erstuntersucher empfohlen werden. Allerdings hat dies nur dann einen Sinn, wenn dann ein kompetenter Arzt auffindbar ist, der dieses Krankheitsbild kennt und eben auch entsprechend beurteilen kann. Ansonsten kann durch die Zweitmeinung eine große Verwirrung gestiftet werden.
Auf der anderen Seite ist eine Zweitmeinung bei standardisierten Therapien, die es sowohl bei der konservativen als auch bei der operativen Therapie gibt, nicht zwingend notwendig. Der erstuntersuchende Arzt sollte allerdings davon überzeugt sein, dass der Patient das Grundsätzliche seines Problems erkannt hat und auch den Weg, mit dem man dieses Problem lösen kann, nachvollziehen kann.
Ich möchte hier z. B. die Therapie eines Bandscheibenvorfalls, sei sie konservativ oder operativ, anführen.
Wenn der Patient vom erstbehandelnden Arzt darüber aufgeklärt wird, dass es eine konservative oder eine operative Therapie gibt, so muss er letztendlich entscheiden, welche Therapie er durchführen lassen möchte. Auf der anderen Seite ist dieses Krankheitsbild doch so klar umschrieben und auch nicht so kompliziert zu verstehen, dass nach einem entsprechenden Aufklärungsgespräch ein Durchschnittspatient in der Lage sein sollte, das grundsätzliche Problem zu verstehen und dann auch für sich die richtige Entscheidung zu treffen.
Ähnliches gilt auch für die primäre oder sekundäre Spinalkanalstenose mit neurologischen Ausfällen (neurogene Claudicatio). Auch hier liegen doch sehr klare Richtlinien vor, unter welchem Aspekt eine alleinige dekompressive Therapie oder eine dekompressive Therapie in Kombination mit einer Fusionsoperation zu beschreiten ist. Auch hier ist aus meiner Sicht die Einholung einer Zweitmeinung nicht unbedingt erforderlich. Wenn der Patient jedoch unsicher ist, sollte er ruhig diesen Weg beschreiten und die Einholung einer Zweitmeinung beantragen.
Wie oben dargestellt, halte ich bei schwierigen Problemen, von denen es in der Wirbelsäule eine Vielzahl gibt, die Einholung einer Zweitmeinung für sinnvoll. Allerdings sind gerade bei diesen komplizierteren Erkrankungen und Therapien die Anforderungen an die Qualifikation des Zweitmeinungsarztes hochzusetzen. Ich darf dazu auf das oben Genannte verweisen.
Zusammenfassend bin ich der Meinung, dass die Zweitmeinung ein durchaus probates Mittel sein kann, dem Patienten bei seiner Entscheidung zu einer Therapie, sei sie konservativ, sei sie operativ, zu helfen.
Auf der anderen Seite muss ein sehr hoher Anspruch an die Qualifikation des Zweitmeinungsarztes gestellt werden, da im Grunde genommen diese Entscheidung für den Patienten von eminenter Wichtigkeit sein kann.
Inwieweit ein Gespräch zwischen erstuntersuchendem Arzt und dem „Zweimeinungsarzt“ sinnvoll ist, kann ich derzeit nicht entscheiden. Ein Fehler wäre es jedoch sicher nicht.

Bilder: Conny Kurz, fotolia.com/forestpath