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Zweitmeinung aus Sicht eines Krankenkassenvertreters: „Ein interdisziplinärer Blick ist hilfreich“

Insbesondere vor Wirbelsäulenoperationen lohnt das Einholen einer Zweitmeinung.

„Grundsätzlich ist eine zweite Meinung immer zu begrüßen“, sagt auch Guido Dressel , Leiter Techniker Krankenkasse (TK), Landesvertretung Thüringen. Er erläutert u. a., auf was es aus seiner Sicht bei der Auswahl des Arztes für eine Zweitmeinung ankommt.

Herr Dressel, die TK hat den Aspekt ärztliche Zweitmeinung bereits für Selektivverträge aufgegriffen, z. B. bei anstehenden Wirbelsäulen-OPs. Was bieten Sie Ihren Versicherten hier konkret an?
Guido Dressel , Leiter Techniker Krankenkasse (TK), Landes- vertretung Thüringen. Mehr zum Thema unter www.tk-online.de.Guido Dressel: Drei Viertel der gesetzlich Versicherten möchten vor einer planbaren Krankenhausbehandlung eine unabhängige fachliche Zweitmeinung. Das zeigt eine Forsa-Umfrage im Auftrag der TK aus dem Sommer 2015. Diesen Wunsch unterstützen wir auf drei Ebenen: Die erste ist die Patienteninformation. Nach § 76 SGB V hat jeder gesetzlich Krankenversicherte das Recht , bei Fragen zu seiner Erkrankung oder zu alternativen Therapien einen zweiten Arzt aufzusuchen. Das neue Versorgungsstärkungsgesetz sieht zusätzlich ein geregeltes Zweitmeinungsverfahren vor.
Zudem können sich TK-Versicherte an das Zweitmeinungstelefon wenden. Dort bieten Ärzte verschiedener Fachrichtungen – schwerpunktmäßig Orthopädie, Onkologie und Chirurgie – Rat und Entscheidungshilfen rund um die Uhr. Die dritte Ebene sind spezifische Angebote bei Hüft-, Knie-, Schulter- und Wirbelsäulen-OPs. Dafür arbeiten wir mit Spezialzentren zusammen, von denen sich Versicherte vor einer OP eine zweite Meinung einholen können. Alternativ hat der behandelnde Arzt die Möglichkeit , die Versicherten an ein entsprechendes Schmerzzentrum zu überweisen, um abklären zu lassen, ob der stationäre Eingriff nötig ist.

Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit der Zweitmeinung gemacht?
Guido Dressel: Das im Jahr 2010 gestartete Modellprojekt „Zweitmeinung vor Wirbelsäulenoperationen“ zeigt , dass knapp 90 Prozent der Rücken-OPs nicht notwendig waren. TK-Versicherte können sich vor einem geplanten Eingriff kostenlos eine zweite Meinung einholen. Rund 2.000 TK-Versicherte haben das Angebot bereits genutzt. Bei etwa 1.800 von ihnen haben die Spezialisten den operativen Eingriff als nicht notwendig eingestuft und der Patient wurde mit Alternativen zur OP behandelt , zum Beispiel Physio- oder Schmerztherapie.

Nach welchen Kriterien sollte ein Arzt für eine Zweitmeinung ausgewählt werden?
Guido Dressel: Besonders zielführend ist die Zweitmeinung, wenn der Arzt einen etwas anderen Blick hat als der behandelnde. Solche unterschiedlichen Herangehensweisen ergeben sich etwa im Vergleich zwischen niedergelassenen und in der Klinik tätigen Spezialisten. Ein Arzt , der von jeher operiert , hat einen anderen Blick als ein eher konservativ behandelnder, der zum Beispiel in den Bereichen Physiotherapie oder Psychosomatik weitergebildet ist. Einen interdisziplinären Blick halte ich für hilfreich.

Viele niedergelassene Ärzte therapieren konservativ anstelle einer OP. Wie kann das von den Kassen hinsichtlich der Bestimmung der Budgetrichtgrößen berücksichtigt werden?
Guido Dressel: Sie sprechen ein grundsätzliches gesundheitspolitisches Problem an, dass keine Kasse als einzelne lösen kann: Aus wirtschaftlicher Sicht ist es heute oft attraktiver, einen Patienten zu operieren, als ihn konservativ zu behandeln. Da muss die Selbstverwaltung ran. Ein guter Einstieg wäre eine Förderung von sprechender Medizin.

Bilder: fotolia.com/forestpath,  www.photofarm.de/Andreas Poecking